Risikoschwangerschaft: Einstufung aus vielfältigen Gründen

30. November 2018

Formal ist es nur ein kleines Kreuzchen, das der Frauenarzt nach dem Abklappern eines Fragenkatalogs zur allgemeinen Krankheitsgeschichte und zu Besonderheiten im Verlauf der Schwangerschaft im Mutterpass macht. Emotional jedoch bringt die Einstufung als Risikoschwangerschaft häufig Unsicherheit und Ängste um das ungeborene Kind mit sich. Zum Glück treten in den allermeisten Fällen keine Komplikationen bei Mutter und Baby auf. Was sich trotzdem im Vergleich zu einer Schwangerschaft ohne Risikofaktoren ändert, lesen Sie hier.

Junge Frau, bei der die bestehende Schwangerschaft als Risikoschwangerschaft eingestuft wurde.

Überblick

Risikoschwangerschaft: Ab wann? >>
Risikoschwangerschaft und Alter >>
Intensive Betreuung >>
Hausgeburt möglich? >>

Ab wann eine Risikoschwangerschaft besteht

Als Risikoschwangerschaft stufen Mediziner Schwangerschaften ein, bei denen ein erhöhtes Gesundheitsrisiko für die werdende Mutter oder das Baby vorliegt. Im Mutterpass ist ein Katalog mit typischen Schwangerschafts- und Geburtsrisiken enthalten, den der Frauenarzt ausfüllt. In den Mutterschafts-Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) ist definiert, welche Kriterien zur Diagnose „Risikoschwangerschaft“ führen, beispielsweise

  • Vorerkrankungen der Mutter wie starkes Übergewicht (Adipositas) oder schwere Herzerkrankungen,
  • wiederholte Fehlgeburten,
  • das Alter (bei Erstgebärenden unter 18 Jahre oder über 35 Jahre1),
  • Komplikationen bei vorangegangenen Entbindungen wie der vorzeitigen Lösung der Plazenta,
  • eine festgestellte uterine (die Gebärmutter betreffende) Blutung,
  • hypertensive Schwangerschaftserkrankungen wie schwangerschaftsbedingter Bluthochdruck,
  • eine drohende Frühgeburt,
  • Mütter, die bereits mehr als vier Kinder geboren haben1 und
  • eine Mehrlingsschwangerschaft (bestehend oder vorangegangen).

Wie die exemplarische Auflistung zeigt, berücksichtigt der Gynäkologe bei der Frage, ab wann eine Risikoschwangerschaft vorliegt, sowohl Kriterien, die die Krankengeschichte der Schwangeren betreffen, als auch Komplikationen, die in der Schwangerschaft aufgetreten sind. Der Katalog ist sehr umfangreich – ein Grund, warum 70 Prozent aller Schwangerschaften in Deutschland als Risikoschwangerschaften eingestuft werden.2 Eine weitere Erklärung für diesen hohen Prozentsatz: Ein einziges zutreffendes Kriterium reicht aus, um als Risikoschwangere zu gelten.3

Risikoschwangerschaft: Erst einmal durchatmen

Spricht der Arzt das Wort „Risikoschwangerschaft“ aus, ist das natürlich erst einmal ein Schock. Versuchen Sie – auch wenn es schwerfällt –, sich vor Sorge nicht verrückt zu machen. Wenn Sie sich unsicher sind, wie die Faktoren, die zu dieser Einstufung geführt haben, einzuschätzen sind, hilft ein offenes Gespräch mit Ihrem Gynäkologen.

Der Zusammenhang: Risikoschwangerschaft und Alter

„Ich bin 36 und fitter als so manche Anfang 20-Jährige. Warum wird mir automatisch eine Risikoschwangerschaft bescheinigt?“ Der Zeitpunkt, ab wann sich Frauen für Kinder entscheiden, rückt aufgrund persönlicher Lebensumstände, beispielsweise langen Ausbildungs- und Studienzeiten, immer weiter in die 30er hinein. Jedes vierte Baby hat eine Mama, die bei seiner Geburt über 35 Jahre alt war.4 Im Jahr 2015 waren in Deutschland sogar 134 Mütter 50 Jahre oder älter.5 Grundsätzlich besteht bei Frauen im Alter von 35 bis 40 Jahren mit eingestuften Risikoschwangerschaften sowie für deren Kinder keine erhöhte Gefährdung – wenn keine Grunderkrankungen bestehen.6

Doch je älter wir werden, desto häufiger treten gesundheitliche Beschwerden wie chronische Erkrankungen und Begleiterscheinungen des Alters auf, die die Schwangerschaft unter Umständen beeinflussen. Beispielsweise ist das Bindegewebe weniger elastisch, Sehnen, Bänder und Muskulatur werden schwächer. Durch die zusätzliche Komponente des zunehmenden Gewichtes des Babys können beispielsweise vorzeitig Wehen einsetzen.

Bei Frauen, die sich etwas später für Kinder entscheiden, ist zudem auch die Wahrscheinlichkeit von Früh- und Fehlgeburten sowie Fehlbildungen beim Kind leicht erhöht. Aus diesem Grund tragen die gesetzlichen Krankenkassen in diesem Fall die Kosten für eine Fruchtwasseruntersuchung oder Biopsie (Gewebeuntersuchung).7

Engmaschige ärztliche Betreuung für Risikoschwangere

In den meisten Fällen verläuft die Zeit, in der das Baby im Bauch heranwächst, auch bei einer Risikoschwangerschaft ohne Komplikationen. Natürlich mag niemand ein Risiko eingehen und die Ärzte tun alles dafür, damit es Mutter und Baby gut geht. Um den Schwangerschaftsverlauf optimal überwachen zu können, finden bei Risikoschwangeren häufiger ärztliche Kontrollen statt. Wenn nötig, bezieht der Gynäkologe andere Fachärzte in die Behandlung mit ein. Die stationäre Aufnahme im Krankenhaus ist nur in Notfällen nötig, beispielsweise wenn eine Fehl- oder Frühgeburt droht oder Symptome einer Präeklampsie auftreten. Typisch für diese ernstzunehmende Erkrankung sind Bluthochdruck, Eiweiße im Urin sowie Wasseransammlungen im Gewebe.

Ich wünsche mir eine Hausgeburt. Geht das?

Bei einer Risikoschwangerschaft sollte die Entbindung im Hinblick auf die medizinische Versorgung in einem Krankenhaus oder Perinatalzentrum stattfinden. Gegenüber der Hausgeburt ist das die sicherere Variante. Treten während der Geburt Komplikationen auf, ist die technische Ausstattung direkt vor Ort.

Julia Lindert
E-Mail schreiben
Medizinredakteurin