Interview mit Prof. Dr. Fusch zum Thema Masernimpfung

4. August 2020
10 Min.

Prof. Dr. Fusch im Interview zum Thema Masernimpfung.

Zur Person

Prof. Dr. Christoph Fusch ist Chefarzt der Klinik für Neugeborene, Kinder und Jugendliche am Klinikum Nürnberg, sein Schwerpunkt ist die Neugeborenenmedizin. Außerdem ist er am Lehrstuhl für Kinderheilkunde an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Nürnberg tätig. In Deutschland gilt er als einer der Pioniere für die Ernährung früh- und neugeborener Kinder sowie den Aufbau von Versorgungsstrukturen Neugeborener.

„Prof. Dr. Fusch, die Masernimpfung führt zu Autismus“ – wie viel Wahrheit steckt in der Behauptung?

Man muss sich so einer Frage mit wissenschaftlichen und epidemiologischen [Anm. d. Red.: Epidemiologie befasst sich mit Entstehung, Verbreitung, Bekämpfung und den sozialen Folgen von Epidemien] Mitteln nähern. Aktuelle Studien konnten keinen Zusammenhang zeigen. Autismus ist relativ häufig und auch zunehmend. Und die Autismus-Rate steigt auch in Regionen an, in denen Maserimpfungen zurückgehen. Die Behauptung beruht teilweise auf Analysen, die 20 bis 30 Jahre alt sind. Zum Teil wurden diese schon revidiert.

Also müssen sich Eltern keine Sorgen machen, wenn es um Autismus als mögliche Folge einer Masernimpfung geht?

Nein. Es gibt andere Faktoren, die Autismus triggern [Anm. d. Red.: auslösen], nicht die Masernimpfung.

Gelegentlich kursieren Geschichten über Masern-Partys, bei denen Eltern eine Ansteckung ihrer Kinder mit Masernviren provozieren wollen – hilfreich oder gefährlich?

Masern sind eine richtig schwere Erkrankung. Man hat hohes Fieber, fühlt sich sehr schlecht, liegt mehrere Tage im Bett und möchte am liebsten sterben, vergleichbar mit einer Influenza, also der Grippe. Bei manchen verlaufen sie schwerer, bei manchen leichter. Ich selbst und meine Geschwister hatten die Masern und es war nicht schön. Masern können eine schwere Lungen- oder Gehirnentzündung, eine Enzephalitis, verursachen.

Da es jetzt Impfungen gibt, gibt es keinen Grund für Masernpartys. An sich können sie vielleicht lustig sein, die Folgen allerdings sehr schlimm. Ich würde mein Kind vor Wildmasern bewahren.

Können Sie nachvollziehen, warum manche Eltern der Masernimpfung skeptisch gegenüberstehen?

Ich kann solche Sorgen grundsätzlich verstehen, natürlich. Sie kommen zum Teil daher, dass wir natürliche Masern gar nicht mehr kennen. Wenn Sie in Entwicklungsgebiete wie Afrika gehen, gibt es dort ein Sprichwort „Zähle deine Kinder, bevor du Masern in der Familie hattest und zähle sie danach.“ Die Masern verlaufen mit hoher Mortalität, also Tödlichkeit, weil sie früh in der Kindheit kommen und sich schnell verbreiten. Kinder können daran sterben. Solche Verläufe sind hier nicht mehr bekannt und da fragt man sich natürlich, warum muss ich das Ganze machen, es passiert ja nichts. Wenn wir bei 10 bis 20 Prozent keine Impfung durchführen würden, wären Wildmasern wieder sichtbar. Eltern würden erkennen, dass es dem Kind schlecht geht. Das lernt man nicht im Internet, sondern muss es erlebt haben.

Zudem haben wir ein Halbwissen, das sich verbreitet und beim näheren Hinschauen bleibt nicht viel Wahres davon übrig. Zusätzlich ist das Risiko, wenn sich nur wenige Kinder nicht impfen lassen, gering, weil Kinder dann von der Impfquote anderer leben.

Also es ist die Kombination aus fehlender Erfahrung und nicht-substanziierten Fakten [Anm. d. Red.: nicht-belegten], die sich hartnäckig halten.

Vermutlich spielt bei vielen Eltern auch mit hinein, dass es sich um eine Dreifach-Impfung handelt.

Ja, aber ich meine, ich lasse mein Kind lieber nur einmal piksen anstatt dreimal. Die Impfung ist gegen Masern, Mumps und Röteln. Röteln sollten vor allem Mädchen impfen lassen, da eine Infektion während einer Schwangerschaft gefährlich für das ungeborene Kind werden könnte. Aus Solidarität sollten sich auch Jungs impfen lassen, um den Infektionspool klein zu halten. Dadurch können ebenso Frauen, die durchs Raster der Röteln-Immunisierung gefallen sind, weil sie zum Beispiel als Kind ein paar Mal krank waren und deshalb die Fristen für rechtzeitiges Impfen verpasst haben, geschützt werden. Mumps ist vor allem für Jungs nicht ungefährlich.

Es macht Sinn, auch Masern mit in die Impfung reinzupacken, zumal alle zum ähnlichen Zeitpunkt geimpft werden, nämlich Ende des ersten Lebensjahres. Die ersten sechs bis sieben Monate besteht noch ein Antikörperschutz der Mutter, man wartet bis das Kind ein Jahr alt ist, weil die Impfung dann verträglicher ist.

Was würden Sie Eltern entgegnen, die ihr Kind erst im späteren Alter – zum Beispiel mit 5 Jahren – gegen Masern impfen lassen wollen?

Gerade weil das Kind so jung ist, sollte es geimpft werden. Kinder haben ein höheres Risiko sich anzustecken, wenn sie miteinander spielen. Sobald Kinder in den Kindergarten kommen, berichten Eltern oft, dass sie manchmal alle 14 Tage krank sind und mit einer Schnupfnase heimkommen. Besonders in den ersten Lebensjahren wird das Immunsystem mit vielen noch unbekannten Erregern konfrontiert. Mit Masern ist es im Prinzip nichts anderes als mit den harmlosen Kinderkrankheiten. Außerdem geht das Immunsystem entgegen vieler Behauptungen nach einer Wildmasern-Infektion geschwächter raus, als es nach einer Masernimpfung der Fall ist. Insofern macht es überhaupt keinen Sinn da zu warten. Die Wahrscheinlichkeit, Wildmasern zu bekommen, ist viel höher, wenn ich das Kind erst mit fünf Jahren impfen lasse.

Eine mögliche Folge der Maserninfektion ist SSPE (subakute sklerosierende Panenzephalitis) – was ist das?

Die Wildmaserninfektion kann einen Krankheitsverlauf triggern, bei dem sich mit der Zeit körpereigenes Gewebe durch die Immunreaktion abbaut. Meist geschieht das im Gehirn. Die Kinder entwickeln sich nicht weiter oder zurück und am Ende sterben sie. SSPE ist nicht heilbar.

Schwanger ohne Masernimpfung – was jetzt?

Lebendimpfungen wie Masern sind während der Schwangerschaft ganz klar kontraindiziert [Anm. d. Red.: nicht anwendbar], so schreibt es auch das Robert-Koch-Institut. Nach Impfungen mit einem Lebendimpfstoff sollte eine Schwangerschaft einen Monat verhindert werden.

Hilft es auch der Gesellschaft, sein Kind gegen Masern impfen zu lassen?

Generell muss man den Infektionspool beziehungsweise Überträgerpool klein halten – das ein oder andere Kind rutscht schließlich immer durch das Impfschema, selbst wenn es eine Impfpflicht gibt. Je mehr Menschen in der Gesellschaft sind, die das Virus nicht mehr weiterverbreiten können, umso mehr hilft es denen, die keinen Schutz haben. Zudem muss man immer den Kosten-Nutzen betrachten. Würde die Impfung sinnlos sein oder die Krankheit nicht vorkommen, würde keine Masernimpfung existieren. Wir impfen uns ja zum Beispiel auch nicht gegen Gelbfieber, außer wir reisen in Länder, in denen es vorkommt. Ein anderes Beispiel ist die Pockenimpfung. Was früher Pflicht in jeder Schule war, gilt heute, 30 bis 40 Jahre später, als unnötig. Warum? Weil Kosten-Nutzen nicht mehr stimmen, man braucht es nicht mehr.

Man muss also sehen, Impfungen werden aus einem bestimmten Grund gemacht. Regelmäßig bewertet die STIKO [Anm. d. Red.: Ständige Impfkommission] Nebenwirkungen und Häufigkeiten von Krankheiten und entscheidet, ob eine Impfung noch Sinn macht.

Es gibt bestimmt auch Kinder, die aufgrund einer Erkrankung nicht geimpft werden können.

Genau, zum Beispiel knochenmarktransplantierte Kinder. Sie sind zwei Jahre von einer Masernimpfung ausgeschlossen. Dennoch wollen diese Kinder auch ein weitestgehend normales Leben führen und nicht mit Maske herumlaufen. Ihnen hilft es, wenn man selbst geimpft ist.

Finden Sie eine Masernimpfpflicht sinnvoll?

Wir sind ein freies Land, das auf Aufklärung und Selbstbestimmung setzt. Wobei es in einigen Bereichen auch Pflichten gibt. Zum Beispiel muss ich mit meinem Auto zum TÜV, ohne geht es nicht. Aber ich finde, eine Impfpflicht sollte der letzte Schritt sein. Besser wäre es, die Aufklärung noch stärker in den Vordergrund zu rücken und darzustellen, warum die Impfung wichtig ist und wobei es sich um falsche Informationen handelt.

Gibt es noch etwas, das Ihrer Meinung nach besser als eine Impfpflicht wäre?

Wenn sich jemand nicht impfen lassen will und dann an Masern erkrankt, dann sollte derjenige für die so verursachten Krankheitskosten selbst aufkommen. Von mir aus gerne abzüglich des Betrages, den die Impfung kostet. Es ist nicht einzusehen, dass die Solidargemeinschaft für solche vermeidbaren Kosten aufkommen muss. So hätte dann jeder eine faire Chance zu wählen. Das wäre für mich eine Möglichkeit, aber ich weiß nicht, ob das mit unserem gängigen Rechtssystem geht. So könnte jeder selbst entscheiden.

Abschließend möchte ich noch sagen, dass ich Impfungen neben sauberem Wasser für eine der größten Errungenschaften der Menschheit sehe. Natürlich gibt es eine Vielzahl an Nebenwirkungen, dennoch ist das Risiko dafür sehr gering. Sich täglich im Straßenverkehr aufzuhalten, ist gefährlicher, und das machen die meisten ohne darüber nachzudenken.

Prof. Dr. Fusch, vielen Dank für das aufschlussreiche Interview.

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