Hausgeburt: Wenn Kinder in den eigenen vier Wänden geboren werden

1950 fanden nur 43 Prozent der Geburten in Deutschland in Krankenhäusern statt.1 Ein Baby zu Hause statt in der Klinik zu bekommen, war in der Generation unserer Großeltern somit ganz normal. Heute sind die Meinungen geteilt. Einige Frauen schwanken zwischen dem Wunsch, ihr Baby im gewohnten Umfeld zu gebären, und Zweifeln, ob sie sich eine Geburt zu Hause „zutrauen“. In diesem Artikel geben wir einen kleinen Einblick in das Thema Hausgeburt und stellen Vor- sowie Nachteile vor.

Diese Frau hat sich für eine Hausgeburt entschieden, nun hält sie ihr Baby im Arm.

Geburt zu Hause: Die Vorteile

Anders als im Krankenhaus, in dem Geburtshelferinnen im Schichtsystem arbeiten und es vorkommen kann, dass sie nach einer Arbeitsschicht wechseln, beendet die Hebamme in der Hausgeburtshilfe ihren Einsatz erst dann, wenn das Baby da ist.

Weitere Vorteile einer Hausgeburt sind beispielsweise:

  • 1:1-Betreuung während der Geburt (Hebamme kümmert sich nur um eine werdende Mama, wohingegen Hebammen in Krankenhäusern parallel häufig mehrere Frauen betreuen)
  • mehr Ruhe als in der Klinik
  • gewohntes Umfeld, intime Atmosphäre
  • Anwesenheit nur von vertrauten und erwünschten Personen bei der Geburt
  • im Vorfeld Aufbau einer guten Vertrauensbasis zur Hebamme
  • mehr Selbstbestimmung bei der Geburt (Frauen vertrauen auf ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten und das Wissen, was gut für sie ist)
  • weniger medizinische Maßnahmen wie Dammschnitte

Voraussetzungen für eine Geburt zu Hause sind unter anderem, dass die Schwangerschaft Schwangerschaft problemlos verlaufen ist und auch für den Geburtsverlauf keine Komplikationen erwartet werden. Außerdem muss die Schwangere sowohl über die Möglichkeiten als auch die Grenzen der außerklinischen Geburtshilfe aufgeklärt worden sein.

Nachteile einer Hausgeburt

Der oben aufgeführte Vorteil bezüglich der reduzierten medizinischen Maßnahmen kann auch ein erheblicher Nachteil sein. Hebammen, die Geburten zu Hause betreuen, dürfen keine auf das zentrale Nervensystem wirkende Schmerzmittel (Opiate) verabreichen oder eine Periduralanästhesie (PDA) legen. PDA ist eine Narkosetechnik, bei der ein Anästhesist über einen dünnen, flexiblen Kunststoffschlauch (Katheter) ein Betäubungsmittel in eine bestimmte Stelle der Wirbelsäule spritzt. So werden Bauch und Becken empfindungslos. Tritt die Wirkung etwa nach 15 Minuten ein, wird der Wehenschmerz erleichtert.2

Weitere Nachteile einer Hausgeburt sind:

  • Verantwortung zentriert sich auf eine Person, die betreuende Hebamme
  • weniger medizinische Sicherheit und apparative Technik
  • Zeitverlust bei Verlegung in die Klinik (durch unvorhergesehene Komplikationen bedingt)

Ein Tipp: Arbeiten Sie einen Notfallplan aus, falls Sie und/oder Ihr Kind doch in ein Krankenhaus gebracht werden müssen. Fast zehn Prozent der Geburten, die zu Hause begonnen hatten, werden in einem Krankenhaus beendet.3 Klären Sie daher ab, wer gegebenenfalls auf Geschwisterkinder aufpassen kann, packen Sie trotz allem zusätzlich eine Kliniktasche mit dem Notwendigen für Sie und das Neugeborene und melden Sie sich vorsichtshalber auch in einer Klinik an.

Ist eine Hausgeburt sicher?

Je nachdem, wem diese Frage gestellt wird, fällt die Antwort unterschiedlich aus. Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) weist auf ein erhöhtes Risiko für Mutter und Kind hin. Bei Neugeborenen, die zu Hause zur Welt gekommen sind, sei die Sterblichkeitsrate um ein Drittel höher als bei einer Geburt in der Klinik.4 Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e.V. hingegen wertet jedes Jahr Statistikbögen aus, die Hausgeburtshebammen ausgefüllt haben, veröffentlicht Zahlen und Fakten zu außerklinischen Geburten und stuft diese als sicher ein.5 Letztendlich müssen alle werdenden Eltern für sich selbst überlegen, mit welcher Entscheidung und an welchem Geburtsort sie sich wohler fühlen.

Hebammenbetreuung vor der Hausgeburt

Sie vereinbaren mit der Hebamme, die Sie während der Geburt zu Hause betreuen wird, eine Rufbereitschaft. Das heißt, sie ist ab der vollendeten 37. bis zum Ende der 42. Schwangerschaftswoche rund um die Uhr für Sie erreichbar.6 Üblicherweise berechnet die Hebamme für diese Leistung eine Pauschale von circa 300 Euro.7 Dies ist keine Kassenleistung. Je nachdem, was Sie mit Ihrer Hebamme vereinbart haben, wird Sie diese ein oder mehrere Male vor der Geburt zu Hause besuchen. Die Hebamme nutzt die Zeit, um Einzelheiten zu besprechen, sich mit den Gegebenheiten vor Ort vertraut zu machen, Fragen zu klären und Sie zu untersuchen. Dazu gehört das Abhören der kindlichen Herztöne, eine Abtastung des Beckens und der Gebärmutter sowie gegebenenfalls eine vaginale Untersuchung.

„Müssen wir nach der Hausgeburt die Wohnung renovieren?“

Die Frage nach notwendigen Renovierungsarbeiten nach der Geburt zu Hause haben sicherlich schon einige Hebammen gehört, aber keine Sorge – hier kann gut vorgesorgt werden: Legen Sie beispielsweise über Ihr normales Spannbettlaken eine dünne Malerfolie. Darüber kommt ein zweites Laken. Ist das Baby da, können das obere Laken sowie die Malerfolie einfach entfernt werden und Sie sich sofort in ein sauberes Bett legen.

Was gilt es vorab noch zu tun? Bereiten Sie in Ihren vier Wänden alles frühzeitig so vor, dass Sie sich wohlfühlen:

  • Beleuchtung: Am besten sollte diese indirekt und gedämpft sein. Eine Beistelllampe erleichtert die Arbeit der Hebamme, falls sie beispielsweise nach der Geburt den Damm (Gewebe zwischen Scheide und After) nähen muss.
  • Raum: Der ideale Ort, an dem Sie gebären möchten, bietet Ihnen Bewegungsspielraum und Möglichkeiten, sich abzustützen, anzulehnen, hinzulegen.
  • Wohlfühlatmosphäre: Kerzen, Düfte, Massageöl, Musik – bereiten Sie alles, was Ihnen gut tut, vor.
  • Getränke und Lebensmittel: Beides dient der Stärkung – auch des werdenden Papas.
  • Wickelplatz: Richten Sie den Wickelplatz für die Erstversorgung des Kindes ein.

Circa zwei bis vier Stunden nach der Geburt übernimmt die Hebamme die U-Untersuchung U1.8 Bei dieser Untersuchung wird die Reife des Babys beurteilt und sie dient dazu, Erkrankungen so schnell wie möglich festzustellen. Zwischen dem dritten und zehnten Lebenstag des Babys übernimmt dann ein Kinderarzt die U2.9 Bei Babys, die in einer Entbindungsklinik zur Welt kommen, findet diese Untersuchung noch während des dortigen Aufenthalts statt. Auch hier ein kleiner Tipp: Am besten kontaktieren Sie den Kinderarzt bereits vor der Geburt.

Außerklinische Geburten im Vergleich zu Entbindungen im Krankenhaus

  • 2016: 4.983 Hausgeburten und 7.187 geborene Babys in hebammengeleiteten Einrichtungen (Geburtshäuser, Hebammenpraxen mit Geburten, Entbindungsheimen), insgesamt also 12.170 außerklinisch geplante und dort auch begonnene Einlingsgeburten10
  • zum Vergleich: 774.464 in Krankenhäusern geborene Kinder11

In welchen Fällen ist keine Hausgeburt möglich?

Es gibt einige Faktoren, bei denen die Entbindung in einer Klinik mit ärztlicher Unterstützung stattfinden muss, beispielsweise bei:

  • Risikoschwangerschaft nach Definition der „Mutterschafts-Richtlinien“ (MuSchR)12, etwa bei Komplikationen während der vorangegangenen Entbindungen sowie Erkrankungen der Mutter im Bereich Herz, Niere, Lunge oder bei Blutgerinnungsstörungen
  • Geburtsbeginn vor vollendeter 38. Schwangerschaftswoche13
  • Überschreitung des errechneten Entbindungstermins um mehr als zehn Tage14
  • Mehrlingsgeburten
  • Beckenendlage (Baby liegt mit dem Kopf nach oben)
  • Querlage (Kind liegt waagerecht statt senkrecht nach unten)

Auch wenn Ihr Frauenarzt im Rahmen der üblichen Vorsorgeuntersuchungen eine mögliche Erkrankung oder Behinderung des Kindes festgestellt hat, kann eine kinderärztliche Betreuung direkt nach der Geburt notwendig sein. Besprechen Sie das genaue Vorgehen daher am besten im Vorfeld mit Ihrem Arzt.

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1Lippens, Frauke: Hausgeburt: Entscheidungshilfe und Vorbereitung. Kreuzlingen [u.a.] : Irisiana. S. 13.
2Anästhesisten im Netz. URL: https://www.anaesthesisten-im-netz.de/anaesthesie/was-ist-eine-regionalanaesthesie/periduralanaesthesie-pda/ (06.08.2018).
3aerzteblatt.de. URL: https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/48185/Hausgeburt-Erhoehtes-Risiko-nur-beim-ersten-Kind (06.08.2018).
4Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. URL: https://www.dggg.de/presse-news/pressemitteilungen/mitteilung/hausgeburten-erhoehtes-risiko-pressemitteilung-der-deutschen-gesellschaft-fuer-gynaekologie-und-geburtshilfe-dggg-und-des-berufsverbandes-der-frauenaerzte-bvf-56/ (06.08.2018).
5QUAG: Zu Hause und im Geburtshaus : Informationen zum Geburtsort. URL: http://www.quag.de/downloads/Quag-Zu_Hause_und_im_Geburtshaus.pdf (13.08.2018).
6Steck, Thomas u.a.: Kompendium der Geburtshilfe für Hebammen. Wien [u.a.] : Springer. 2008. S. 228.
7Lippens, Frauke: Hausgeburt : Entscheidungshilfe und Vorbereitung. Kreuzlingen [u.a.] : Irisiana. S. 28.
8Laue, Birgit: Schwangerschaft : Gesundheit, Entwicklung, Vorsorge, Geburt. München : Gräfe und Unzer.2 2016. S. 97.
9Kinder- & Jugendärzte im Netz. URL: https://www.kinderaerzte-im-netz.de/vorsorge/baby-u1-bis-u6/u2-zweite-vorsorge/ (06.08.2018).
10Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe e.V.: Qualitätsbericht 2016 : Außerklinische Geburtshilfe in Deutschland. S. 15. URL: http://www.quag.de/downloads/QUAG_bericht2016.pdf (06.08.2018).
11Ebd., S. 9
12Richtlinien des Gemeinsamen Bundesausschusses über die ärztliche Betreuung während der Schwangerschaft und nach der Entbindung („Mutterschafts-Richtlinien“), Zuletzt geändert am 21. April 2016. S. 9. URL: https://www.g-ba.de/downloads/62-492-1223/Mu-RL_2016-04-21_iK-2016-07-20.pdf (06.08.2018).
13Nieder, Jürgen/Meybohm, Kerstin: Memorix für Hebammen. Stuttgart : Hippokrates Verlag. 22001. S. 181.