Wassergeburt: Entbindung in der Wanne

Wann schätzen Sie, hat die erste Wassergeburt stattgefunden? Im 20. Jahrhundert? Weit gefehlt. Aufzeichnungen über die erste europäische Geburt im Wasser gehen in das Jahr 1805 zurück.1 Bei dieser Geburtsmethode befindet sich die Frau während der Wehen und/oder unmittelbar bei der Geburt des Kindes in einer speziellen Gebärwanne. Lesen Sie hier mehr über den Ablauf.

Baby schläft, nachdem es per Wassergeburt zur Welt gebracht wurde.

Umgeben von Wasser während der Geburt: Der Ablauf

In Absprache mit der betreuenden Hebamme bestimmt die Schwangere den Zeitpunkt selbst, wann sie in die Badewanne möchte – sprich, schon während der Wehen oder erst zur Geburt selbst. Die Wassertemperatur in der Geburtswanne sollte zwischen 32 und 37 Grad Celsius liegen.2 So überwärmt oder unterkühlt das Baby nicht, wenn es ins Wasser gleitet. Ist die Temperatur zu hoch, erhöht das die Kreislaufbelastung für die Mutter zusätzlich, was im schlimmsten Fall sogar zu einer Ablösung der Plazenta (Mutterkuchen) führen kann.

Während des gesamten Ablaufes der Geburt unter Wasser überwacht die Hebamme die kindlichen Herztöne sowie die Wehentätigkeit mittels eines Induktions-CTGs (Kardiotokografie). In die Innenwände der Badewanne sind Induktionsschleifen (Drahtschleifen) integriert, die ein elektromagnetisches Feld erzeugen. Ein Gerät, das sich außerhalb der Wanne befindet, liest die empfangenden Daten aus. Ein herkömmliches CTG-Gerät findet keine Anwendung – es besteht die Gefahr von Stromschlägen.

In der Wanne ist die Schwangere nicht auf eine bestimmte Gebärposition festgelegt. Rückenlage, hockend oder auch der Vierfüßlerstand (Knie-Ellenbogen-Lage) sind möglich. Steht die Geburt im Wasser kurz bevor, führt die Hebamme, falls nötig, vom seitlichen Beckenrand aus den Dammschutz durch. Darunter versteht man Handgriffe, mit denen sich das Durchtrittstempo des Babyköpfchens etwas steuern lässt, um so einen Dammriss im besten Fall zu vermeiden. Ist die Geburt geschafft, legt die Hebamme das Neugeborene sofort auf den Bauch der Mutter.

Im Wasser kann generell auch die Geburt der Plazenta, die sogenannte Nachgeburt, erfolgen. Je nach Klinik wird die Mutter jedoch gebeten, dafür die Gebärwanne zu verlassen, da sich der Blutverlust außerhalb des Wassers besser kontrollieren lässt.

Interessant zu wissen

Der angeborene Tauchreflex (Diving-Reflex) bei Neugeborenen verhindert, dass sie Wasser einatmen. Das Baby darf sogar maximal eine Minute lang unter Wasser bleiben.3 Den ersten Atemzug macht der Säugling erst, wenn sich sein Köpfchen außerhalb des Wassers befindet.

Vorteile für Mama und Kind bei einer Wassergeburt

Unlängst bekannt ist die entspannende Wirkung warmen Wassers. Doch es gibt weitere Gründe, warum sich Frauen für diese Art der Geburt entscheiden:

  • mögliche Beschleunigung des Geburtsvorgangs (Muttermund öffnet sich schneller)
  • verringerter Bedarf an Schmerzmitteln (durch geringer empfundenen Wehenschmerz)
  • Entlastung des Rückens (durch den Auftrieb des Körpers)
  • positiver Effekt auf die Elastizität des Dammgewebes (Gewebe zwischen Scheide und After), somit auch vermindertes Risiko für Dammschnitt oder -riss
  • Wehenveratmung kann leichter fallen (das warme Wasser wirkt entspannend)

Vom schützenden Fruchtwasser gleitet das Baby sanft direkt ins Wasser, für das Neugeborene bedeutet das weniger Stress während der Geburt.

Es ist nur dann eine Wassergeburt, wenn die Frau die ganze Zeit über im Wasser verbringt. Stimmt das?

Nein, es gibt unterschiedliche Definitionen einer Wassergeburt. Im engen Sinne verbringt die werdende Mama tatsächlich alle Phasen der Geburt in der Gebärwanne. Im weiten Sinne bedeutet Wassergeburt, dass sich die Schwangere während der Eröffnungs- und/oder Austreibungsperiode der Geburt auch außerhalb der Geburtswanne aufhält, die Geburt jedoch dann unter Wasser stattfindet.

Nachteile einer Wassergeburt

Bei einer Wassergeburt gibt es auch einige Nachteile, über die Schwangere im Vorfeld informiert sein sollten. Eine Periduralanästhesie (PDA) zur Schmerzdämpfung ist nicht möglich, wenn die Frau in der Gebärwanne liegt. Kommt es zu Komplikationen, muss die Frau für den weiteren Geburtsverlauf die Wanne verlassen, um behandelt werden zu können. Werden Hygienevorschriften für die Nutzung von Gebärwannen nicht ordnungsgemäß eingehalten, besteht zudem eine Infektionsgefahr für die Schwangere, das Baby, aber auch für die Hebamme.

Entbinden im Wasser: Was sind die Voraussetzungen?

Es spricht in der Regel nichts gegen eine Wassergeburt, wenn

  • sich die werdende Mama mindestens in der 37. Schwangerschaftswoche befindet4,
  • die Schwangerschaft komplikationslos verlaufen ist, also beispielsweise keine Blutungen auftraten oder eine vorgeburtliche Wachstumsverzögerung festgestellt wurde,
  • das Kind mit dem Köpfen nach unten liegt,
  • Herzrhythmus und -frequenz des Kindes normal sind,
  • im bisherigen Geburtsablauf noch keine zentral dämpfenden Schmerzmittel (Analgetika) gegeben oder auch noch keine Periduralanästhesie (PDA) gemacht wurde.

Außerdem muss zu jeder Zeit der Wassergeburt gewährleistet sein, dass im Falle einer auftretenden Komplikation das Wasser in etwa einer Minute abgelassen und die Schwangere durch die Unterstützung einer Hilfsperson aus der Gebärwanne steigen und in den Kreissaal gebracht werden kann.5

Es gibt Situationen, in denen die Mutter ihr Kind nicht wie geplant im Wasser zur Welt bringt. Sei es auf ihren ausdrücklichen Wunsch hin (beispielsweise beim Verlangen nach der Gabe von Schmerzmitteln) oder weil die Geburt nicht voranschreitet. Treten Komplikationen beim Kind wie Änderungen der Herzfrequenz auf, beschließen Hebamme und Arzt ebenfalls, einzuschreiten.

Generell nicht möglich ist eine Wassergeburt bei einer Mehrlingsschwangerschaft oder wenn die Mutter an einer Infektionskrankheit wie Hepatitis B oder HIV leidet, da ein hohes Ansteckungsrisiko für Kind und Klinikpersonal besteht. Ist das Baby ein Frühchen Frühchen, wird es also vor der abgeschlossenen 37. Schwangerschaftswoche geboren, schließt das eine Geburt im Wasser ebenfalls aus, da das Atmungssystem unausgereift und der Diving-Reflex noch nicht stark genug ausgeprägt ist.6

Nicht zu sehr auf den Wunsch einer Wassergeburt versteifen

Sicher ist es hilfreich, sich über die Möglichkeiten einer Wassergeburt in der Geburtsklinik zu informieren und bereits bei der Anmeldung zur Geburt im Arztgespräch zu erwähnen, dass man das Baby im Wasser entbinden möchte. Doch nicht alles im Leben ist planbar, am allerwenigsten der genaue Ablauf einer natürlichen Geburt. Möglicherweise spielt der Kreislauf der Schwangeren nicht mit, sie fühlt sich in der Wanne unwohl oder entscheidet sich doch für eine Periduralanästhesie. Auch medizinische Gründe können gegen eine Wassergeburt sprechen. Das wichtigste ist jedoch, sich vor Augen zu führen, dass es nicht den einen richtigen Weg gibt, sein Kind zur Welt zu bringen. Im Vordergrund steht immer die Gesundheit und das Wohlbefinden beider, des Kindes und der Mutter.

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1Rath, Werner (Hrsg.): Geburtshilfe und Perinatalmedizin. Stuttgart [u.a.] : Thieme.2 22010. S. 226.
2Steck, Thomas u.a.: Kompendium der Geburtshilfe für Hebammen. Wien [u.a.]: Springer. 2008. S. 233.
3KHWE Frauenklinik Höxter. URL: https://www.khwe.de/488256-khwe-wAssets/docs/krankenhaeuser/hoexter/KHWE-Frauenklinik-Hoexter-Wassergeburt-20131008.pdf (06.08.2018).
4Höfer, Silvia/Szász, Nora: Hebammengesundheitswissen. München : Gräfe und Unzer. 2012. S. 195.
5Steck, Thomas u.a.: Kompendium der Geburtshilfe für Hebammen. Wien [u.a.] : Springer. 2008. S. 233.
6Schneider, Henning (Hrsg.): Die Geburtshilfe. Berlin [u.a.]: Springer. 52016, S.690.